Nachhaltig unnachhaltig

Ich mag diese erfrischenden Unterhaltungen im Zug. Mit wildfremden Menschen, die einen freundlich aus dem Halbschlaf smalltalken. Die Krönung der Glückseligkeit ist erreicht, wenn eine oberflächliche Plauderei in einen Dialog mit schweren Themen mündet, die vollste Konzentration erfordern. Ein Thema wie Nachhaltigkeit zum Beispiel. Darüber wollte meine Sitznachbarin mehr wissen, nachdem sie erfuhr, dass ich mich auf dem Rückweg von der Messe BAU in München befand. Sie konnte nicht wissen, dass mir jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken läuft, sobald ich diesen Begriff zu hören bekomme. Nach zwei Messetagen hatte ich es bei Pressekonferenzen und Standgesprächen gefühlte drei Dutzend Mal vernommen. Das sollte doch Beweis genug sein, dass die Branche das Thema „Nachhaltigkeit“ schon längst verinnerlicht hat. Nicht dass wir uns falsch verstehen – ich liebe meinen Job und habe es gelernt, mich auch mit marketingaufgeladenen Schlagwörtern zu beschäftigen. Doch ich bin auch Dieselfahrer, wohne im Stuttgarter Umland, heize meinen Backofen vor, bin Amazon-Kunde, lebe nicht ganz plastikfrei und würde aus Umweltliebe nicht auf Flugreisen verzichten. Für militante Nachhaltigkeitsexperten – und als eine solche entpuppte sich meine Sitznachbarin – liefert meine Lebensweise genug Stoff, um eine eskalierende Diskussion loszutreten.

Überhaupt hat man das Gefühl, dass „Nachhaltigkeit“ zum Modewort unseres Zeitalters geworden ist. 26 Mio. Treffer spuckt Google für dieses Suchwort aus und stellt damit sogar die „Ökologie“ als  Mutter aller Protestbewegungen quantitativ in den Schatten. Das Ergebnis der inflationären Verwendung des Ausdrucks: kaum eine Branche, die diesen Begriff nicht für ihre Zwecke missbraucht, kaum eine politische Debatte, die ohne „Nachhaltigkeit“ in ihrem Ablauf auskommt. Vom Shampoo-Hersteller bis zum Ölkonzern sind alle durchweg nachhaltig unterwegs. Das Thema ist also in aller Munde, doch wofür steht die Nachhaltigkeit? Handelt es sich um eine Ideologie? Oder ist es eine dieser Worthülsen für markante Sprüche und PR-Texte? Bei einer aktuellen Studie des GfK Vereins wurde festgestellt, dass knapp 90 % der Deutschen schon einmal von Nachhaltigkeit gehört haben, jedoch nur etwa 50 % der Befragten von sich behaupten können, den Begriff sicher zu kennen. Wie viele von ihnen werden wohl wissen, dass die Nachhaltigkeit neben der omnipräsenten Ökologie mindestens noch von zwei weiteren Säulen – nämlich Ökonomie und Soziales – getragen wird, und zwar vollkommen gleichberechtigt?

Im Sinne der Nachhaltigkeit werden nach und nach Fahrverbote für ältere Diesel in Innenstädten durchgesetzt. Die ökonomische Nachhaltigkeit bleibt dabei auf der Strecke, weil gerade kleinere Handwerksbetriebe dadurch an der Ausübung ihrer Tätigkeit gehindert werden. Wie sozial nachhaltig die faktisch beschlossene Enteignung der Besitzer von Dieselfahrzeugen ist, darf sich jeder selbst ausmalen. Von Nachhaltigkeit werden heute Themen wie Elektromobilität, Wahl der Baustoffe für Neubau und Gebäudesanierung, Energiewende, Kreislaufwirtschaft, Ernährung oder Arbeitsbedingungen geprägt. Es geht nicht darum, diesen Trend zu stoppen, sondern vom heute herrschenden Ansatz „ganz oder gar nicht“ und „lieber gestern als morgen“ abzukommen. Die Radikalität der Nachhaltigkeit nervt und demotiviert sogar die Willigen. Auch mit der politischen Brechstange wird es nicht gelingen, den Wandel zu bewältigen, wenn der breiten Masse das Verständnis von Nachhaltigkeit und ihrem Nutzen fehlt.

Auf  halber Strecke  hat meine ICE-Sitznachbarin übrigens das Interesse an mir verloren. Sie erfuhr von der eingebauten Standheizung in meinem Wagen und das hat sie mental völlig aus dem Konzept gebracht. Dabei bewegen mich durchaus edle Motive, denn mir geht es die Laufleistung des Motors im Kurzstreckenbetrieb. Zumindest hatte ich anschließend etwas Zeit für ein Nickerchen und gesunder Schlaf – soviel steht fest – ist der  Inbegriff von Nachhaltigkeit...

Autor: Paul Deder