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„Meeresabfall“ als Öko-Dämmstoff

Nicht zuletzt aufgrund der attraktiven nationalen Förderprogramme für den Neu- und Bestandsbau ist die Nachfrage nach Dämmstoffen ungebrochen hoch: Der deutsche Absatz wuchs in 2021 um mehr als 3 % im Vergleich zum Vorjahr. Und auch wenn die natürlichen Dämmstoffe wie Hanf, Zellulose, Holzwolle, Kork & Co. nach wie vor ein Nischendasein fristen, spielt die Zeit für sie. Denn durch das zunehmende Umweltbewusstsein der Bauherren steigt auch ihre Bereitschaft, beim Bauen und Sanieren auf ökologisch verträgliche Dämmmaterialien zurück zu greifen. Den Trend belegen auch die Zahlen, denn das Ökosegment wächst mit über 6 % in 2021 doppelt so schnell wie der Gesamtmarkt.

Zu den jüngsten Naturdämmstoffen auf dem Markt gehört Seegras. Hergestellt wird die neue Naturdämmung aus den abgestorbenen Überresten der Meerespflanze Posidonia oceanica, die durch Wellenbewegungen zu filzartigen Bällchen gerollt  und ans Ufer gespült in großen Mengen an den Stränden des Mittelmeers zu finden ist. Die Idee, die sogenannten Neptunkugeln als Dämmung einzusetzen, kommt von Richard Meier, ehemals Professor für Architektur und Denkmalpflege an der Hochschule Heidelberg. Schnell hat der begeisterte Wassersportler gemerkt, dass die kleinen Kugeln aufgrund ihrer naturgegebenen Eigenschaften ein hohes Potenzial für die ultimative Ökodämmung besitzen. Nachdem die guten Dämmwerte der Neptunkugeln auch vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik bestätigt wurden, gründete Meier 2010 eine eigene Firma und begann mit der Rohstoffbeschaffung, Verarbeitung und dem Vertrieb des Dämmstoffs NeptuTherm.

Seegras bringt gute Hitze- und Schallschutzeigenschaften mit und ist feuchtigkeitsresistent. Seine Wärmeleitfähigkeit beträgt 0,039 bis 0,046 W/(mK). Im Gegensatz zu vielen anderen natürlichen Dämmstoffen wird hier kein zusätzliches Brandschutzmittel benötigt, da unbehandeltes Seegras der Brandschutzklasse B2 zugeordnet wird. Zudem zeichnet sich NeptuTherm dadurch aus, dass er im gesamten Beschaffungs- und Herstellungsprozess den geringsten Primärenergiebedarf und C02-Verbrauch aller Dämmstoffe besitzt. Das Material wird fast einbaufertig an Land geschwemmt. Ein Sieb rüttelt nur noch den Sand aus den Poren, bevor der Häcksler die Kugeln zu Fasern zerkleinert.Zu den Nachteilen des Dämmstoffs gehört die eingeschränkte Gewinnung, weil das Seegras nur in Form angespülter Kugeln aufgesammelt werden darf. Auch die Kosten für eine Seegrasdämmung bewegen sich im oberen Bereich und sind mit den Preisen für traditionelle Dämmstoffe wie Styropor nicht zu vergleichen. Die ökologischen Vorteile von NeptuTherm sind jedoch unerreicht.

Heute ist NeptuTherm bauaufsichtlich zugelassen und wurde bereits an verschiedenen Neubau- und Sanierungsprojekten erfolgreich eingesetzt. Das nachhaltige Baumaterial findet in vielen Bereichen des Hauses Verwendung – als Stopf- oder Einblasdämmung für Dächer, Fassaden und Geschossdecken. Und hat das Gebäude einmal das Ende seiner Lebensdauer erreicht, dann gibt es bei dieser Dämmung keine Entsorgungsproblematik: Das naturreine Meeres-Abfallprodukt kann einfach unter die Gartenerde gemischt werden.

(Autor: Paul Deder)

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