Die Flucht nach vorn

Was treibt einen Menschen dazu, in ein überfülltes Schlauchboot zu steigen, um sich von einem hauptberuflichen Ziegenhirten und nautischen Laien über das offene Meer nach Europa navigieren zu lassen? Die Motivation ist aus der Perspektive eines wohlstandsverwöhnten Europäers wahrlich schwer zu begreifen, während Hunderttausende Flüchtlinge sich den Gefahren eines Exodus aussetzen, um das gelobte Land zu erreichen. Ist es die Rolex am Handgelenk, für die ein syrischer Vater sein Leben und das seiner ganzen Familien auf Spiel setzt oder womöglich die Aussicht auf die Nobelkarosse vor der eigenen Stadtvilla? Gut möglich. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass seine Gedanken den Zustand der Bodenständigkeit zu keinem Zeitpunkt verlassen, während rundum die Bomben fallen. Realistisch ist, dass er im täglichen Kampf ums nackte Überleben die Existenzbedürfnisse seiner Nächsten sicher will. Selbstredend ist, dass der alte Kontinent den sichersten Hafen dafür bietet.

Natürlich steuert eine große Zahl von Migranten Europa an, um auch ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Aber wer kann es Menschen verdenken, die vor Ausweglosigkeit, Elend und Diskriminierung fliehen, nach Besserem zu streben? Zudem sind die Übergänge zwischen wirtschaftlicher Not, politischer Verfolgung und Krieg fließend und die Gründe für ein Verlassen der Heimat oft vielfältig. So gelten Afghanen im Gegensatz zu den Syrern und Irakern größtenteils als Wirtschafts- und nicht als Kriegsflüchtlinge, obwohl sich das Land seit 15 Jahren quasi im Dauerkriegszustand befindet. Was Krisen und Kriege in vielen Jahren nicht geschafft haben, wurde im Deutschen Bundestag angeordnet: auch Marokko, Algerien und Tunesien sind für sicher befunden worden – per Abstimmung und ganz ohne Blutvergießen. Viele der Flüchtlinge werden daher über kurz oder lang in ihre vermeintlich sichere Heimat zurückkehren müssen, auch wenn das rechte Gesindel in Europa untentwegt ein gesellschaftliches Armageddon durch das Einschleusen fremder Kulturen prophezeit.

Überhaupt ist die aktuelle Flüchtlingsdebatte kein geschichtliches Novum. Hier dürfen sich die Deutschen gerne an die eigene Nase fassen, denn es sind durchaus Parallelen zwischen der heutigen Migration in den europäischen Raum und der deutsch-deutschen Migration vor der Wende ersichtlich. Rund 4,5 Mio. Menschen wechselten in der Nachkriegszeit von Ost nach West – nicht zuletzt aufgrund der wirtschaftlichen Attraktivität der Bundesrepublik. Umso bitterer, dass ausgerechnet in Ostdeutschland der braune Hass so stark brodelt. Dabei wäre nach heutigen Kriterien das ehemalige Gebiet der DDR zum sicheren Herkunftsland und dadurch ein großer Teil unserer eigenen Bevölkerung zu Wirtschaftsflüchtlingen erklärt worden. Grotesk, aber wahr.

Die Gastfreundschaft gehört nicht zu den deutschen Kardinaltugenden. Trotzdem haben wir als einer von wenigen europäischen Staaten die Tür weit aufgemacht, um Notleidenden zu helfen. Es wäre naiv zu glauben, die neue Willkommenskultur beruhe allein auf moralischen Grundsätzen. Gutmenschen sind in der Politik fehl am Platz – in diesem Metier wird man an Taten gemessen und nicht an Idealen. Die Bundeskanzlerin zeigt im Spätherbst ihrer Amtszeit endlich klare Kante und setzt sich mit der Flüchtlingspolitik ein Denkmal. Und die Geschichte wird ihr Recht geben. Längst ist Fakt, dass unsere alternde Gesellschaft die Einwanderung zur Sicherung der Sozialsysteme braucht. Und die Wirtschaft benötigt Arbeitskräfte, um den Mangel an Menschen im arbeitsfähigen Alter auszugleichen. Auch das deutsche Handwerk ist von Nachwuchssorgen geplagt, im Bauhauptgewerbe sind viele Ausbildungsstellen noch unbesetzt. Die Sozialkasse der Bauwirtschaft (SOKA-Bau) meldet, dass rund 35 % der gewerblich Beschäftigten heute schon 50 Jahre oder älter sind. In den kommenden 15 Jahren muss daher jeder dritte Arbeitsplatz in der Bauwirtschaft neu besetzt werden. Höchste Eisenbahn also, um auch hier die Flucht nach vorne anzutreten...

Autor: Paul Deder